biograph

autobiographische texte – 1991-1996 – ÄSTHETIK DES SCHEITERNS – fragmente aus buch 2: muttersprache / kindheit ( 1996 gekürzt auf 144 seiten; 1x als fotokopie bindung ) © die-wege

dieser text entstand 1994. die wahl der 3. person ER statt ICH brachte genug emotionale distanz, eine brücke zu sprache und schreibstil als erwachsener zu bauen. erst mit 50 jahren kamen diese erinnerungen wieder ans licht – ausschließlich aus dem visuellen gedächtnis heraus – denn ich lebte in der kindheit ohne sprache, lange orientierungslos.

als ich nach vielen jahren im april 2016 die orte, strassen und wege der kindheit teilweise per pedes, grössere strecken mit dem fahrrad erkundete, war ich selbst total verblüfft, die erinnerungen an meine kindheit waren keine täuschungen, sondern verblüffend echt.

spurensuche google maps – orte und wege der kindheit – 2015 vor der reise dorthin 2016

GLEICH WERDE ICH AUFBRECHEN, BALD WERDE ICH ANKOMMEN, NOCH BIN ICH HIER *2: selbst-zitat 1988

die landschaft der kindheit wird wohl begradigt sein, dachte er. die niers – mit ordnungsgemäß angelegtem wanderweg? von schildern und sperrgittern umzingelt? die reise dorthin, ja, er werde sie antreten. zunächst nur sehen, was nach so langer zeit noch erinnerbar sei. eine brücke, über der niers. ausgangspunkt und übergang. in sichtweite des hauses: viele fenster. eine treppe aus stein. das eingangstor. ein großer flur und viele türen. das erkerzimmer, wo sie bis zu seinem zehnten lebensjahr hausten.

diashow spurensuche rheydt 13.14. april 2016 erweitert

KINDHEIT – DIE BRÜCKE

wenn er die brücke über der niers überschritt, gabelte diese straße nach hundert metern links im stumpfen winkel ab, geradeaus aber führte sie in richtung eines schlachthofes, raus, zu den vororten der stadt rheydt, an der niers. linker hand lag ein eingezäunter acker, und dahinter, an den wald unmittelbar angrenzend, die pferdekoppel. am rechten straßenrand, unmittelbar neben der niers, gab es eine große saftige wiese, mit ein paar kühen. im anschluß daran folgte ein kleines wohnlager, von menschen, die anders zu sein schienen, welche ganz unter sich blieben. sie wohnten nicht in gemauerten häusern, lebten ständig unter freiem himmel, zwischen gespannten zeltplanen. umgeben von weiden, hecken und verbretterten hohen zäunen. von einigen wellblechen eingefaßt, lag dieses camp wie eine geheimnisvolle kleine insel darin. rauch sah er dann oftmals aufsteigen. am offenen feuer hockten sie, im kreise. er sah ihre schatten, vernahm vage laute, als er mit neugierigen sinnen an den brettern des großen holztores lauschte. auch dort gab es einst spielende kinder, die er aber den ort nie allein verlassen sah. daß es korbmacher waren, wußte er, seit er sie ausfahren sah. die wagen waren von oben bis unten mit allerlei geflochtenem, große, kleine körbe meist, übervoll beladen und behangen.
wenn die kinder aus dem viertel diese wiese betraten und der hüter der kühe mal in der nähe war, verjagte der sie oder drohte mit einem stock. hin und wieder haben sie dabei vielleicht mal die kühe im stoischen wiederkäuen aufgeschreckt. die nach links abbiegende straße führte am waldrand entlang, wiederum gesäumt von umzäunten gemüsebeeten. rechter hand lag eine große laubenkolonie. ein stück weiter des weges folgte eine größere häusersiedlung. diese häuser sind in seiner erinnerung ohne fenster. graue einheitlichkeit, stumpfe und abweisende mauern. dort wohnten jene kinder, mit denen sie sich ständig im kriegszustand befanden.

lief er diese straße nun weiter geradeaus, später den waldrand entlang, kam er auf der linken seite an einer der kleineren zwergschulen ( katholische vorschulen? ) vorbei. dann folgte er der nächsten straßenkreuzung in einem bogen nach links. dort streifte er nun bald die rückseite des waldes. ein stück weiter des weges sah er, zwischen den bäumen versteckt, das große forsthaus. diese straße ging er nun immer weiter geradeaus, bis sie wiederum auf eine breitere straße stieß. auch diese überquerend, danach an den feldern entlang, mal wieder rechts, mal links, sah er bald auch wieder die niers, was jetzt davon noch sichtbar war. denn jetzt floss sie weniger tief, wurde von betonrändern eingefaßt. nun endlich mit dem lauf der niers immer weiter geradeaus. so gelangte er schließlich nach schloß rheydt.
damals ein weiter weg, besonders für kinderbeine, von der brücke daheim bis zum schloß und wieder zurück. er ist diesen weg sehr oft gegangen. immer wieder sah er unterwegs etwas neues. mal einen vogel, den er noch nicht kannte, mal einen besonders großen grashüpfer, irgendwas am wegesrand, in der niers oder rund um schloß rheydt. so umgab ihn, wie auch die kiesel im fluß, die natur. er hat die niers mit dem schilf zusammen tanzen sehen. das licht und die sonne, das waren seine zeitgeber.
von der uhr wußte er sehr lange nicht einmal das wort. zeit, das bedeutete, die sonne ging auf und ging unter. wenn es stark regnete, verkroch er sich irgendwo oder merkte nicht einmal, daß er pitschenass wurde. nicht immer sah er – wie ein hans-guck-in-die-luft – zum himmel. doch die abstürze waren ihm gewiß. zwischen den wolken und den vögeln, der natur und ihm: ein unsichtbares band. vögel, große, kleine, bewunderte, liebte er. wenn es dämmerte, tat er etwas größere schritte und lief so den gleichen weg zurück, um wieder bei der brücke zu landen. bis zum haus waren es dann noch hundert, zweihundert schritte, je nachdem, wie lang die beine waren. von der untersten stufe der treppe bis zur wohnungstüre sprang er deren einzelne stufen hinauf oder hinab; etwa sieben, acht, neun oder zehn.

tagsüber überkletterte er das gatter, an der großen wiese; es riß ihm oft ein loch in die hose, die wunde ins fleisch. die wiese: saftige grasbüschel gaben ein schmatzendes geräusch von sich. meist war sie feucht oder stand im frühjahr unter wasser, besonders nach schneereichem winter, wenn die niers wesentlich mehr wasser führte und dort an manchen tagen fast bis zur uferböschung anstieg. an einem dieser tage sah er gebannt einem meisenpaar zu, das in einem eisenrohr nistete, welches den stacheldraht des zaunes hielt. unermüdlich flogen diese meisen aus und wieder ein. erstaunlich, daß dieses unscheinbare detail sich so nachhaltig in sein wesen eingenistet hat. so überaus sinnlich greifbar. er hatte auch mal versucht, ein vogelnest samt jungvogel mitzunehmen. dieser kleine vogel sei umgehend gestorben. er habe ihn begraben, ein holzkreuz mit halmen gebunden und es zum abschluß der zeremonie feierlich aufgestellt. immerhin lernte er so, künftig die finger von den vögeln zu lassen. nicht von erziehern, sondern < nur > von der natur belehrt. ob es ein schwarm winziger jungfische oder ein stichling war, damals noch häufig die größeren, bis 15 oder 20cm langen weißfische, die so genannt wurden, da sie im licht der sonne silbern, bis ins hellste weiß glänzten.
in netzen oder sonstwie gefangen, waren sie natürlich in büchsen und gläsern nicht lange überlebensfähig. nachdem er auch dies einsah, habe er sie nur noch gefangen, um sie im gefäß eine weile aus nächster nähe betrachten zu können. ganz zuletzt übergab er sie dann wieder der obhut der natur.
eines schönen tages fing er mehrere kleine frösche, ganz in der nähe von schloß rheydt. heimlich hatte er die frösche zuhause in ein glas getan, ein papier mit löchern versehen und als abdeckung mit einem faden festgebunden. dieses glas fand seine mutter abends. für die frösche war die abdeckung kein hindernis gewesen, da sie allesamt daraus entwichen waren. mutter und schwester hatten gar kein verständnis für seinen forschungsdrang. sie blieben dem zauber verschlossen.
mutter und schwester waren damals erst zu beruhigen, nachdem er versicherte, nun alle frösche eingesammelt zu haben. diese frösche mußte er abends wieder an der niers aussetzen. direkt an der niers aber werden sie nicht viel größer geworden sein.

KINDHEIT – IM FLUSS DER ZEIT

urplötzlich prasselt ein kleines naturereignis hernieder, wolken rissen auf, im nu stand die ganze römerstraße bürgersteighoch unter wasser. sie liefen und sprangen herum, waren wie von sinnen, entledigten sich der nassen kleider, wateten barfuß durch’s sich stauende wasser. die niers war das treibende element fliessender eindrücke. die niers: „rechter nebenfluß der maas, 109 km.“ so kurz wird im lexikon < sein fluß > beschrieben. die quelle liegt in wanlo, wo aber mündet die niers? natürlich könnte man sich kundig machen. es werde seine archaische erfahrung, was er mit dem < fluß der zeit > verbinde, kaum bereichern. was war und was ist: ohne anfang und ohne ende? an jenem tag waren auch noch zwei klapprige fahrräder vom schrottplatz geholt worden. es gab ein rennen, zwischen den kindern auf den rädern und dem rennenden rest. dieser teil der römerstraße war kurz und bog vor dem haus im rechten winkel nach links ab. man kam sich in die quere. es wurde gestoßen und geschubst, zugetreten. zuerst rutschte und stürzte einer, dann der ganze haufen, spätestens in der biegung, am ende der überschwemmten straße. die radfahrer stürzten, weil ein ausweichen zu spät erkannt wurde oder eine kette aus der führung sprang. etwas lag im wege, das man im trüben wasser nicht sah, ein stein oder schuh. während sich bei einem der ineinander verkeilten fahrräder das gesetz der schwerkraft bemerkbar machte: indem ein in die luft ragendes rad sich noch eine weile drehte, bis es allmählich auslief, ganz langsam zum stillstand kam: leerlauf, reibung. die natur der dinge. ja, alles war da. die natur ist ihm das höchste geblieben, hat ihn mit allerlei anschauungsmaterial und phänomenen bestens versorgt.

auf dem großen schrottplatz konnten die kinder zwar unbehelligt herumklettern, der schrott selbst aber war größtenteils tabu. doch reichte es, um ein paar seifenkisten zu bauen. die räder von kaputten kinderwagen, karosserien aus holz, mit blechstreifen zusammengehalten, verdrahtet, genagelt und verknotet. eine steile abfahrt gab es in diesem viertel zwar nicht, doch not macht erfinderisch. wie verschweißt mit diesen kisten, zog man die beine an, im wettrennen. dabei ríß ihm bei einer allzu eifrigen fahrt ein sperriger dicker draht den rechten zeigefinger bis auf den knochen auf. die narbe ist noch heute deutlich zu sehen. die not-verarztung war damals nicht sonderlich sorgfältig. immer wieder neue wunden, aber so etwas wächst sich rasch aus. das war im nu vergessen. das war nicht weiter schlimm, es gehörte dazu. im herbst sammelten sich die bewegungen im wirbelnden taumel gefallener blätter. wenn die wilde kinderschar darüber sprang und sich ins aufgeworfene laubwerk warf, riß oft die haut auf an den knöcheln, ein knie blutete, eine kürzlich erst verschorfte wunde platzte wieder auf. ein übersehener stolperstein oder eine kuhle im boden, vom knickern übrig geblieben. die knickersteine waren in blasse farben getaucht, in kleinen netzen verpackt. wenn er endlich selbst genug groschen hatte, war eine handschale voller knicker eine kleine kostbarkeit. knickern war ein schönes spiel, hier war etwas mehr ruhe und geschicklichkeit gefragt. papierdrachen habe er besonders gerne aufsteigen lassen. himmel und hölle, das hinkelspiel, erinnere er noch gut. und: „dubbelidup, wat soll dä donn, däm dat pfand jehürt?“ mit der zeit wußte man, welche hand auf den rücken schlug. die richtigen steine kamen nicht zufällig geflogen, das war absicht, beflügelt vom motorischen reflex, irgendwas zu tun, das folgen hatte, für den, den der stein traf.

KINDHEIT – DENKZETTEL

wo sie zu dritt bis zu seinem zehnten lebensjahr wohnen, besteht aus einem eckzimmer, gelegen im hochparterre, in der römerstraße 140. unterm fenster zur straße hin steht er, aus einem der kellerfenster dringt ein rumpeln an sein ohr, seltsame, polternde geräusche. er geht in die hocke, beugt seinen kopf tief runter, um durchs kellerfenster zu gucken. da fliegt ein stück brikett vom keller durchs fenster, ihm ins gesicht, fast ins auge. damals war es das normale. plötzlich flog etwas durch die luft und ihm an den kopf. ein stein, ein stück metall oder eine glasscherbe, was zufällig greifbar war. sein kopf ist mit zahlreichen narben signiert. sein kopf ist immer schon sein wunder punkt gewesen. in straßenkämpfen, mit kindern aus jenem anderen wohnviertel, da sind die grenzen – unsichtbar – gezogen. durch steinschlachten wird das revier markiert. wenn man sich da einzeln zu weit vorwagt, kann es passieren, daß man von einer horde kinder überfallen, an einen baum gefesselt, ein bißchen gequält und ausgeraubt wird. gegen ende wird man mit einem denkzettel – als botschaft und warnung – wieder freigelassen. wobei dieser denkzettel aus einem krakeligen schriftstück besteht, dem ritus kinderkrieg quasi bedeutung verleihend. diese beiden straßenviertel halten sich so gegenseitig auf abstand, praktisch den größtmöglichen steinwurf voneinander entfernt.

das marode gemäuer an der niers gab es noch; eine tunnelartige ruine, wo die kinder sich vor zornigen vätern verstecken konnten oder sich auch sonst trafen, weil diese ruine eine ganz besondere stimmung machte, heimlich irgend etwas zu tun, das sonst niemand wissen durfte. auch die kanäle neben der niers waren noch offen. dort klettern sie oft an rostigen eisenstangen hinab. unten, in der kanalisation, dort hausten die ratten, von den kindern mit stöcken und lautem geschrei verfolgt, gejagt, bis die ratten im dunkel des kanals nicht mehr sichtbar waren.

KIRCHE & RELIGION

es ist auf dem heimweg passiert, nach schulschluß. von zwei straßen gesäumt, steht mittendrin die kirche ( st.josef ). die straße verzweigt dort. er geht rechts diese straße lang, weg von der kirche, auf einem breiten gehweg. die schultasche hat er auf seinen rücken geschnallt. ganz plötzlich hört er unmittelbar hinter sich die fahrgeräusche eines radfahrers. dieser fährt unbeirrt auf ihn zu und er stürzt kopfüber auf das pflaster, bleibt liegen – gehirnerschütterung. kopf, alles klar? in diese kirche ist er, an einem anderen tag und in einem andern jahr, das zweite mal zur taufe ganz allein gegangen. da er 1944 in österreich geboren wurde, war die eintragung einer taufe wohl im kriegschaos verloren gegangen. diese 2. taufe war eine reine formsache gewesen. da er allein mit dem pfaffen vor dem becken stand, hat der gar kein großes brimborium daraus gemacht. heute meint er, daß dieser sich wenigstens ein paar minuten mehr zeit hätte nehmen können, damit es für ihn nicht so unglaubwürdig gewesen wäre. sehe man es im zusammenhang mit der wichtigkeit, welche im katholischen glauben dem sakrament der taufe zukomme, dann wird klar, warum sein naiver glaube bereits in der kindheit erheblich gestört war.

zur ersten heiligen kommunion ist er woanders gegangen. aus mangel an geld für die kleidung und weil sie im jahre 1955 umgezogen sind, in ein andres viertel, mit ’ner andern kirche, anderen lehrern, anderen kindern – anderem umfeld. dort ist er am 17.4.1955 zur 1.heiligen kommunion gegangen; drei tage nach seinem geburtstag, also genau mit 11 jahren. er hat noch ein kleines photo davon gefunden. sie stehen vor dem kirchenportal: 33 knaben und 3 pfaffen, in reih und glied. jedes kind hält den gekreuzigten jesus in den händen – vor der herz-jesu-pfarre, in rheydt, morr. er, mit brille, steht in der letzten reihe ganz außen.

kindgemäße unschuld und naivität wird sich wohl heutzutage allein wegen des häufigen fernsehkonsums anders entwickeln und darstellen, als in seiner kindheit. soweit er sich an die einflüsse der schule erinnern kann, waren die fächer schreiben, lesen und zeichnen die einzigen, die ihn interessierten. die biblischen geschichten habe er mit inbrunst gelesen. wenn sie im zeichenunterricht herbstblätter o.ä. zeichnen sollten, so war er damit schnell fertig und fing an, z.b. jesus mit seinen jüngern bei der stürmischen überfahrt zu zeichnen. die lehrer sahen seine zeichnungen wohlwollend an, sammelten sie ein, nahmen sie ihm weg!

ein beispiel kann seine naive ehrlichkeit verdeutlichen. es war 1964 in berlin, er war 20 jahre alt. bevor sein studium an der HfBK *4 begann, war er ständig zufuß unterwegs, um berlin kennenzulernen, zu erwandern. auf dem weg zu einer gaststätte fand er einen geldschein vor dem eingang. ohne nur eine sekunde zu zögern betrat er den raum, ging an die theke und sagte dem wirt, „er möge doch bitte mal die gäste fragen, ob jemand einen geldschein vermisse“. der schien nicht zu verstehen und er wiederholte sich. daraufhin rief der in den raum hinein, er habe es noch im ohr, wie sie lachten. doch interpretierte er das nicht als spott. nein, er konnte nicht anders handeln. nachdem niemand sich meldete, hätte er diesen geldschein ja behalten können. doch weit gefehlt: er gab tatsächlich den geldschein dem wirt, im guten glauben, daß der verlierer den verlust bemerken und erschrocken den weg bis zur gaststätte zurücklaufen werde. er selbst habe dann etwas bestellt, ein buch gelesen, sich vom langen gehen ausgeruht. da kein verlierer sich gemeldet hatte, bat er, als er dann aufbrach, um die herausgabe des geldscheins, da er nun kein schlechtes gewissen haben müsse, wenn er ihn einsteckte. der wirt jedoch lachte ihn abermals aus. *4 = Hochschulde für Bildende Kunst – BERLIN

KINDHEIT UND SPRACHE

als kind hat er noch nicht in sprache gedacht. er wunderte sich oder staunte. er hat es nicht gelernt, zu fragen, wenn er etwas gar nicht verstehen kann. er hat sicherlich schon vage intuitionen und ahnungen, natürlich auch gefühle. er kennt keinerlei regeln, nur instinktive handlungsmuster.

oma und opa? onkel oder tanten? nein, da sind keine verwandten. so gibt es kaum ein greifbares handlungs- und sprachmuster, woran er sich hätte orientieren können. die straßenkinder sind altersmäßig wild durcheinander gewürfelt. da können einige kinder kaum laufen, andere wiederum sind schon größer, lang und mager, hochgeschossen wie geilwüchsige triebe. lulatsch, der stotterer, der längste von allen. und viele kleine rotznasen. vorwiegend kinder aus einem großen familienbund. jenem clan, der hinter dem wohnblock den schrottplatz unterhält. wenn die dämmerung naht, die tagesgeräusche abklingen, die kleinsten im bett liegen, folgt das geschrei und gezeter der alten. oft bis spät in die nacht hinein krach und viel streit. krakeeler und trunkenbolde, schlägereien, gewaltsprache. viele der kinder sind mit den prügeln oft besoffener väter groß geworden. stammler, stotterer, dumme oder stumme.

in rheydt und rundum im umfeld der römerstrasse wurde eine abart des rheinländischen dialektes gesprochen, das er als rheydter platt ( „re-jerr platt“ ), als wortwörtlich platte, reduzierte sprache noch manchmal vage im ohr habe. die ersten zehn jahre seiner kindheit war er überhaupt noch nicht an sprache gebunden, unfähig, sich sprachlich verständlich zu entäußern. sprache wurde nach der entlassung aus der volksschule umso bedeutsamer.

POLTERN DER SPRACHE

das poltern der sprache: „…überhastet und doch nicht schnell, sondern eher langsam. die wortbildung ist fehlerhaft, laute werden verwechselt oder ausgelassen, silben sind ohne kontur, aussprache ohne profil. der polterer kann, wenn er will oder muss, im gegensatz zum stotterer. er darf daher ermahnt werden, nicht schneller zu denken als zu sprechen. er soll mit den gedanken beim sprechen sein. die behandlung des polterns gehört in die hände geschulter sprachheillehrer.“ *aus einem medizisch-psychologischen lehrbuch.

das poltern der sprache trat bei ihm immer dann auf, wenn es galt, er müsse sich am unterricht beteiligen. während des unterrichts war oft nur sein körper anwesend. er sah aus dem fenster, war geistig abwesend. in seinen schulzeugnissen stand wieder: „dietmar beteiligt sich nicht am unterricht, seine versetzung ist gefährdet.“ sobald in der schule zum unterrichtsende die große schelle losrasselt, ist er allen anderen voraus durchs schultor geeilt. erst wenn er um die nächste straßenecke biegt, die schule außer sichtweite ist, atmet er befreit auf. den rest seines heimweges vertrödelt er. soweit er die häuser in diesem teil der straße vor augen hat, sind es damals meist bürgerliche gebäude, die meisten bescheiden eine lücke in der reihe schließend und noch ohne einschränkende städteplanung errichtet. würde er nach schulschluß rechts um die nächste häuserzeile gehen, so führe dieser weg in richtung des bahnhofs, hinter dem bahnhof wäre es nicht mehr weit bis zum schmölderpark.

KINDHEIT – HUNGER

da sie zuhause oft hunger leiden, gibt es keine geregelten mahlzeiten. meist spielt er bis zum einbruch der dämmerung draußen. eines schönen tages steht er mit anderen kindern am rand einer großen baugrube. eines der kinder hat ihn hineingestoßen. wie er es geschafft hat, aus dieser grube herauszukommen, weiß er nicht mehr. vielleicht half ein arbeiter ihm dabei. er kommt erst wieder zu sich, als er auf einer großen wiese liegt. er hat starke schmerzen, besonders in der schulter. die wiese liegt auf halbem wege zwischen dem wohnblock und der grube. da er weiß, daß zuhause niemand ist, bleibt er noch eine ganze weile dort liegen. da die schmerzen nicht nachlassen, erhebt er sich. einen schlüssel für die wohnung hat er. sein bedürfnis, sich ins bett zu legen, treibt ihn. beim versuch sich auszuziehen, spürt er einen stechenden schmerz. er findet eine schere und schneidet schließlich sein hemd auf. dann ist er eingeschlafen.

als seine mutter nachhause kommt und das kaputte hemd sieht, ist sie völlig außer sich. sie hat ihn sogar mehrmals geschlagen. irgendwann hat sie dann doch gemerkt, daß seine schmerzen nicht allein von den schlägen herrühren können. die mutter konnte nicht sehen, was ihm fehlt, daß er verletzt ist und dringend zum arzt muß. da er den weg zum arzt kennt, geht er alleine hin, wie so oft schon. die arztpraxis liegt in der nähe seiner schule. als der arzt ihn untersucht hat, wird er umgehend mit einem krankenwagen ins rheydter kinderkrankenhaus gebracht. später wacht er in einem großen fremden zimmer auf. daß er operiert worden ist, weiß er nicht. allein, daß er in diesem ganz fremden bett liegt, ist ungewöhnlich genug. er ist wiederholt eingeschlafen und wieder aufgewacht – noch immer liegt er in diesem großen und fremden raum. man bringt ihm sogar öfters was zu essen ans bett. er guckt häufig aus dem fenster, als fände er dort eine antwort. er antwortet leise und sehr schüchtern auf einige der fragen, die ein arzt oder eine krankenschwester stellt. bald fühlt er sich besser. ja er fühlt sich sogar sehr gut. die tage sind viel, viel heller als sonst.
es handelte sich um einen schlüsselbeinbruch. das beste in dieser zeit im krankenhaus wird zweifellos die verpflegung mit reichlich nahrung gewesen sein. denn sie haben noch mehrere jahre manchmal vor hunger geweint.

er wurde oft zum bäcker geschickt, um zu fragen, ob nicht etwas trockenes brot übrig wäre. schon sieht er sich wieder zu dem laden gehen und durch das fenster gucken, ob noch andere leute da sind, welche gerade brot kaufen – und welche frau hinter der theke steht. denn man weiß ja nie. nicht jedesmal bekommt er ein stück brot, wenn er betteln gehen muß.
er guckt dann zuerst ein bißchen beiläufig ins fenster, um sich einen groben überblick zu verschaffen. dann öffnet er langsam die tür. er meint, es wäre eine tür mit glasfenster gewesen, mit einem goldfarbenen griff. er geht zaghaft zur theke und wartet, bis die verkäuferin ihn direkt anspricht. ungern stellt er sich an, falls noch richtige kundschaft im laden ist. dann verkrümelt er sich lieber solange, wartet, bis alle anderen leute weg sind. er wünscht, die verkäuferin möge ihn wiedererkennen, nicht schon wieder fragen, was er denn will – dann müßte er sich wieder was einfallen lassen und nach den richtigen worten suchen, um nicht zu poltern. nur ja nicht ohne brot heimkommen! seine dreiundeinhalb jahre ältere schwester wird zu einer völlig passiven haltung gebracht; kann man sagen: erzogen? er dagegen wird sehr früh zum ersatzmann und muß all diese unangenehmen dinge tun. dabei ist er still und schüchtern. warum versucht die mutter nicht, ihre notlage zu erklären? daß sie ganz allein zwei kinder ernähren muß, der mann keinen unterhalt zahlt, daß sie gehbehindert ist, daß sie besonders arm dran waren. obwohl armut und hunger damals viele menschen traf. doch sie hungerten selbst dann noch, als es längst in der brd wieder aufwärts ging. aber die mutter redet mit niemand. wo ging sie hin, was tat sie, wenn sie nicht zuhause war? trotz großer armut waren die kinder gut gekleidet, wenn man seine alten schulfotos ansieht. was der mutter wichtig war, das erreichte sie. daß sie 1955 weg von diesem sozialen brennpunkt in eine andere gegend umgezogen sind, daß er gleich nach der volksschule mit 14 jahren in eine sehr gute lehre kam, seine schwester hingegen eine ungelernte arbeit in einer textilfabrik annehmen mußte, das war der beginn einer für ihn selbst ganz entscheidenden veränderung.

außer im krankenhaus oder im kinderheim gab es in seiner kindheit höchst selten was gutes zu essen. an ein normales stück fleisch, mit beilage, war überhaupt nicht zu denken. bei einer kartoffelkäferplage gab es damals für soundsoviel eingesammelte käfer soundsoviel groschen oder kartoffeln. von den schalen der kartoffeln, ob erarbeitet oder geklaut, hat seine mutter ganz zuletzt noch eine suppe gemacht. die suppe hat er plastisch vor augen, da sie gemeinsam weinten. obst und leckereien gab es einmal im jahr, zu weihnachten. er sieht sich bei einer dieser wohlfahrts-weihnachtsfeiern, in einem saal, unter vielen kindern. auf der großen bühne steht der nikolaus. die kinder sind dann einzeln über eine kleine treppe zur bühne gelaufen, um dort eine tüte mit leckereien in empfang zu nehmen. er hat große angst vor dem gang dorthin, da er glaubt, der knecht ruprecht werde ihn in einen großen sack stecken und ihn dann einfach in ein klosett stopfen, die spülung betätigen – und weg wäre er! fast bis zum zehnten lebensjahr ist er bettnässer gewesen. es gab nur ein außenklo. nachts pinkeln sie in einen eimer. 1954 ist er in ein kindererholungsheim gekommen; niendorf/ostsee. im streng katholisch geführten heim versuchen schwestern eine art teufelsaustreibung. gewaltsam werden dort die daumenlutscher nachts ans bett gefesselt oder deren finger werden mit einem scharfen zeug eingerieben. was sie damals mit bettnässern angestellt haben, hat er vergessen. kinder mit starkem übergewicht müssen literweise essigsoße trinken, die aus den salatschüsseln zusammengekippt wurde. kinder die ihren nachtisch nicht mögen, kriegen solange einen neuen hingestellt, bis sie ihn nicht mehr auskotzen, die schüsseln leer sind.
vor und nach dem essen muß mit den schwestern gebetet und gott für all diese guten gaben gedankt werden. das mutet heutzutage an, wie aus einem anderen jahrhundert. die frommen betschwestern haben in dem glauben gehandelt, daß den kindern, die vorwiegend aus der gosse kamen, nur so ein lichtlein aufgehen werde und deren böse anlagen durch bestrafung zu heilen seien. weiß gott, ein grund früh ungläubig zu werden. 1955 gab es eine weitere maßnahme, in einem heim auf der insel norderney; davon hat er nur ein foto, mit vielen kindern und freundlicher, weltlicher betreuung am strand.

DER MOPS – EIN HUNDELEBEN

„man soll keine schlafenden hunde wecken“, bedeutet wohl, man sollte besser nicht ins rollen bringen, was am ende unübersehbare folgen hat.

sie hatten damals einen hund. der war nicht sehr groß, eher so eine art mops, klein, aber zäh; wie der hieß, weiß er nicht mehr. kann sein, daß sie ihn einfach nur hund nannten, da er auf zurufe ohnehin nicht reagierte. er ließ sich nicht einmal dann streicheln, wenn er in seiner ecke lag. nach all den jahren sieht er urplötzlich auch diesen hund wieder aus dem dunkel der erinnerung auftauchen. sobald man mit ihm raus geht, zieht der hund wie verrückt an der leine, reißt sich immer dann los, wenn er wieder mal einen radfahrer sieht. es sind nur männer, die er aus einem unerfindlichen grunde kilometerweit verfolgt, um hin und wieder nach einem hosenbein zu schnappen. obwohl der hund nicht bösartig ist. es liegt an seinem mopsigen temperament, daß er jeden fremden spontan kläffend zu begrüßen pflegt. an diesem tag hat er kein glück. als er wild herumwuselt, kommt er eines tages ausgerechnet einem auto in die quere. dabei gibt es die weite wiese und noch viele große unbebaute flächen, wo keine radfahrer, erst recht keine autos fahren. im näheren umfeld wohnen meist nur arme leute. und autos fahren dort damals nur vereinzelt vorbei. das auto, von dem dieser hund unglücklicherweise angefahren wird, ist vom typ goliath, ein dreiradauto – hintendrauf ein großer, silbrig gänzender, metallischer aufbau. es handelt sich um einen milchwagen, der damals die ortschaften und straßen abfährt. der milchmann macht sich mit einer großen glocke bemerkbar, so daß man ihn mehrere straßen weiter schon hören kann. leute – die es sich leisten können – kommen daraufhin mit irgendwelchen gefäßen und bekommen die milch ganz frisch, mit einem großen schöpfmaß, als viertel, halben oder auch ganzen liter direkt in ihre mitgebrachten kannen abgefüllt. von diesem schweren milchwagen wird der hund angefahren. doch dieser hund ist zäh -, scheinbar nicht kleinzukriegen. noch bevor jemand so recht kapiert hat, was da und wie es passiert ist, wuselt der hund schon wieder herum, wenn auch mit eingezogenem schwanz, kleinlaut, kriecht er unter dem auto hervor. er humpelt ein bißchen, ist aber sonst fidel.

der mops ist dreist. eines tages läuft er wieder mal weg und hat dabei wahrscheinlich auch das federvieh entdeckt. ungeachtet der gefahr, die im stacheldraht und im besitzer der hühner lauert, hat er sich durch den zaun gequetscht. dabei nimmt sein hundeleben doch noch ein gewaltsames ende. es wird wohl so gewesen sein, daß der hühnerhalter ihn erschoß. er habe seinem hund kein holzkreuzchen aufstellen können. denn dieser hund endet tatsächlich in einem großen kochtopf.
eine kleine kugelige frau, eine der wenigen menschen, mit denen die mutter hin und wieder überhaupt mal spricht, ist auf die absurde idee gekommen, daß dieser tote hund doch noch zu etwas nütze sei: indem er eine sehr üppige mahlzeit abgeben werde. diese frau hatte es in der tat geschafft, die mutter zu überzeugen; es umgehend in die tat umgesetzt. sie wohnt ganz in der nähe, nur ein paar straßen weiter. sie gehen zu dritt zu ihr, die mutter, die schwester, er. daß sie mal zu dritt unterwegs waren, hat seltenheitswert. noch dazu sind sie gemeinsam zu einem essen eingeladen. nach jahrzehnten sieht er sich, die mutter, die schwester, wieder auf dem weg zur mahlzeit; er sieht die straße und die kleinen reihenhäuser mit kleinen vorgärten und den treppenaufgang zum haus, sogar die küche. daß es ihr mops war, den sie damals aßen, wußten die kinder nicht, sonst hätten sie dieses fleisch wohl kaum gegessen. sie sitzen am tisch und warten heißhungrig auf das essen. die frau schmeckt ab, leckt sich genüßlich die lippen. er sieht wieder ihr gesicht und ihre gestalt, ähnlich mopsig wie der hund, speckig und agil, glubschaugen, kurze und fleischige arme. sie haben zuerst die fettäugige, dampfende suppe gelöffelt. feierlich sodann, sogar mit messer und gabel, das fleisch. sie haben sich ausnahmsweise mal richtig satt essen können. nur die mutter nicht, meint er. die mutter hat sicher nur ein paar kartoffeln und etwas salat genommen; sie wußte ja, daß es der eigene hund gewesen ist, der auf den tisch kam. später gehen sie wieder – eine etage – eine treppe runter. danach noch ein überdachtes treppchen und dann über einige steinplatten. bis zum bürgersteig. vor den häusern gibt es ein kleines mäuerchen, über das er damals öfters gelaufen ist. sich wohl an die außerordentliche mahlzeit erinnernd, hatte er später wiederholt versucht, die eingangslücken zu überspringen.

SCHWESTERLEIN UND BRÜDERLEIN

wegen des lange vergessenen hundes erinnert er urplötzlich auch das eckzimmer – in hochparterre -, ihre wohnung dort. ganz deutlich sieht er den herd mit der verchromten stange ringsum. wo er als kleiner junge herumturnt und seine beine unter den herd baumeln 1äßt. der stammplatz des hundes. in einem anderen jahr liegt dort meist die katze, die niemals gelernt hat, auf mäuse scharf zu sein. denn hin und wieder huschen dort mäuse an der wand entlang – unter diesem herd. irgendwo hatten sie dort einen durchschlupf gefunden, da er sie noch öfters auftauchen und wieder verschwinden sah. die katze ist sehr scheu. wird sie auf den fenstervorsprung gesetzt ( marga schließt es dann immer gerne ), sofort springt sie runter auf den bürgersteig, rast in einem scharfen bogen um die hausecke, schleicht, ängstlich geduckt, flitzt die sieben, acht, neun oder zehn stufen einer steintreppe im eiltempo rauf. im endspurt rast sie durch das meist offene haustor, nimmt die letzte ecke, miaut kläglich vor der wohnungstür. dieser katze bindet die schwester eines tages eine längere fitzekordel um den hals. ein hund ist devot und gehorsam. eine katze läßt sich nicht an die leine legen, möge diese noch so lang sein. die katze springt hin und her, versucht die kordel abzustreifen, schließlich flieht sie und kriecht unter die couch, verheddert sich dort in den sprungfedern. die kordel schlingt sich dabei enger und enger um den hals. die katze röchelt. seine schwester steht stumm und steif, hält immer noch diese kordel fest in ihren mädchenhänden. endlich nimmt er seiner schwester die kordel aus der hand. er findet ein kleines messer und kriecht unter die couch, fingert nach dem hals der katze. es gelingt ihm, die kordel so zu fassen, daß er eine hand dazwischen schieben kann. in der anderen hand hat er das messer gehalten. so kann er die kordel noch rechtzeitig vom hals der armen katze lösen. die schwester erinnere er immer nur stumm, emotionslos, unbeteiligt. ihre kindergestalt kenne er nur von einem einzigen alten foto, das er im nachlaß der mutter findet. seine schwester hält sich am rock der mutter fest, er aber, gerade zwei monate alt, nicht im arm der mutter liegend, sondern ganz aufrecht sitzend, den kopf hoch haltend. die mutter sieht ihn zwar an, er aber blinzelt ins unbestimmte. hinter ihnen ahnt man einen sehr großen, uralten baum.

er kann sich erlebnishaft und visuell an seine schwester ansonsten überhaupt nicht erinnern – nicht in der kindheit. nur das erlebnis mit der katze: dort ist sie der auslösende faktor; und doch im gleichen moment bereits wieder total passiv. selbst noch in der schreckensphase steht sie da, als hätte sie mit der situation – die sie doch ausgelöst hat – gar nichts zu tun. über diese totale beziehungslosigkeit hat er oft nachgedacht. daß sie all die jahre zwar sehr beengt wohnten, es jedoch ansonsten keinerlei gemeinsames leben zwischen seiner schwester und ihm gegeben zu haben schien.

DER ÜBERGANG

viele der frühen erinnerungen sind damit verknüpft, oft der körperlichen gewalt ausgesetzt zu sein, weil er nicht dazu gehörte, sich nicht anzupassen und nicht zu wehren wußte. auf der straße sind es die kinderspiele, wo das wechselspiel in bewegung gerät, daß er sich immer wieder in die rolle eines außenseiters versetzt sieht. er weiß sich bald gezielt abzusetzen, zu vereinzeln. er verweigert sich, erträgt die mißhandlungen der größeren kinder, indem er sich innerlich unangreifbar macht. aus seiner orientierungslosigkeit und sprachlosigkeit heraus wächst sein widerstand. im einklang ist er immer nur in der natur, die ihn umgibt, ihn leitet, umtreibt. dort fühlt er sich nicht verloren oder einsam. früh wird es auch im zweckfreien spiel deutlich, weshalb er dazu neigt, sich abzusondern, sich den regeln einer gruppe zu entziehen.

als das ausmaß widersprüchlichster empfindungen allmählich bewusster nach eigenen wegen sucht, er anfängt, zu begreifen, daß er anders ist als alle anderen kinder im wohnviertel, zu diesem zeitpunkt – 1955 – wird er plötzlich herausgerissen, aus tagträumen, ängsten. sie ziehen um, in eine andere gegend, wo er umlernen muß. sie wohnen ab 1955 in der dahlenerstraße 150; immer noch in rheydt. in einer kleinen zweizimmer-wohnung, auch dort gibt es nur ein außenklo. er ist inzwischen kein bettnässer mehr. auch in diesem haus spricht die mutter mit niemand, weder mit nachbarn, noch mit irgendjemand sonst.

zur katholischen volksschule dahlenerstraße ist es von der wohnung ein katzensprung. diese schule besucht er bis zur schulentlassung, im jahr 1958. parallel zur dahlenerstraße liegt die bachstraße. zu dieser straße kommt man, von der wohnung aus gesehen, wenn man um die nächste ecke links abbiegt, in eine straße mit einem starken gefälle. am ende, nun rechts die bachstraße entlang, kommt man zu einem kleinen lebensmittelladen. der lebensmittelladen ist für arme leute die erste adresse, man kann kleine einkäufe anschreiben lassen. immerhin ist es inzwischen etwas besser, obwohl er auch diese gänge zum pumpladen nur sehr ungern tut; meist geht er ohne geld los. da seine mutter invalide – gehbehindert – ist, oft keine passende prothese hat, die vorhandene schmerzt, kann sie allein aus diesem grund nicht gut laufen. auch wenn sie problemloser gehen kann, meidet sie menschen. die schwester wird mit solchen dingen nie konfrontiert, sie bleibt stumm, emotional unbeteiligt – was auch immer passiert.

den kindern fühlt er sich auch hier nicht zugehörig. als er eines tages mal wieder von mehreren jungs in die zange genommen wird, findet er ausgerechnet in einem jungen, der sich oft schlägt, den fürsprecher. er erlebt zum ersten mal, daß jemand ihm hilft und sein anderssein akzeptiert. er ist nun seinerseits wieder öfters an einem unfug beteiligt. eines tages wird er mit mehreren mitschülern erwischt oder verpetzt, als sie in einer schulpause um die wette pinkeln. sie haben sich auf der bachstraße aufgestellt, am anderen ende des schulhofs, eigentlich außerhalb des schulgeländes. sie stehen vor der schulmauer und versuchen herauszufinden, wer höher und weiter zu pinkeln versteht. bemerkenswert, daß er sich noch immer sehr deutlich daran erinnere. weil mit diesem unfug einhergeht, fortan auch im klassenverbund akzeptiert zu werden. denn diese aktion hat ein einprägsames nachspiel, da er und die anderen jungs nach der pause vor die versammelte klasse treten müssen, wo der rektor, der zudem ihr klassenlehrer ist, ihnen jeweils zwei schallende ohrfeigen verpaßt. tatsächlich hat er ab diesem tag kaum noch probleme mit den mitschülern. auch die beteiligung am unterricht ist besser geworden, seine leistungen werden in folge besser benotet. er ist zwar anders, aber kein feigling. denn schon im ursprünglichen umfeld hat er oft bei lebensgefährlichen kinderspielen mitgemacht. das war etwas völlig anderes, als sich zu verweigern, wenn es galt, tiere zu quälen oder kleine, schwächere kinder zu schlagen. als außenseiter lernt man früher oder später, bewußter wahrzunehmen, anders zu denken, ob mit oder ohne sprache der wörter.

 FENSTER – fenster zur seele

Die Erkerfenster der Kindheit waren für ihn nicht wichtig, da er da noch das genaue Gegenteil eines Stubenhockers ist. Es beginnt mit der Wohnung in der Dahlenerstrafle 150, wo sie 1955 einziehen; mit elf Jahren wechselt er die Schule. Es gibt zwei Fenster zur Straße hin gelegen, eins zum Hof. Und das Kellerfenster, damals für ihn die einzige Wahl, der Enge der Wohnung, der Mutter zu entkommen. Im Keller kann er ungestört seinen Phantasien und Tagträumen nachhängen. Schon etwa 1960 hat er dort sehr bewusst ein Fenstergefühl erlebt. Er hat den kleinen Kellerraum vom centimeterdicken Staub befreit. Spärliches Heizmaterial liegt in einer Ecke. Sie sind arm, sehr arm, überflüssige Dinge sind da nicht zu stapeln. Dort sitzt er oft, im schummrigen Licht der Petroleumlampe, fängt um 1960 an, schriftsprachliche Gedanken in einer kladde zu notieren ( diese kladden hat er – leider – jahrzehnte später, 1981, mit alten briefen der mutter und einer frühen liebe, im kaminfeuer zu asche verschwinden sehen, um sich nicht mehr in dieser vergangenheit zu spiegeln ) –  Oben ein schmales, mattes, blindes Kellerfenster, man hörte nur die schritte der Passanten. Vom Kellerfenster aus hat er mit einem jungen der nachbarschaft manchmal eine Geldbörse an einen langen Faden gebunden: wenn jemand kommt und sich danach bückt, wird diese Börse weggezogen. Es gibt also eine Zeit, wo er hin und wieder lustig war. Die Zeit. Die fließende Zeit. Eine bestimmte Zeit vorher und eine gewisse Unbestimmtheit hinterher. Zeitlosigkeit. Augenblick. Moment. Die hastende und schwindende, die vergangene, gegenwärtige, die künftige – die vergessene Zeit. Unmittelbar danach, im Übergang, etwa 1963, das einzelne Fenster in der Bruckner Allee; auch in Rheydt. Obwohl noch minderjährig, hatte er ein Zimmer angemietet. Seine Mutter war nicht einverstanden. Doch er wußte sich in dieser Hinsicht durchzusetzen, über sie hinwegzusetzen. Es war das erste Mal, daß er ungestört allein sein konnte. Solches Alleinsein ist nicht mit Einsamkeit zu verwechseln!

Dort hat er intensiv gezeichnet und gemalt. Nebenher schreibt er Gedichte und kurze Texte, mit eigenen sprachschöpfungen ( einige dieser frühen texte sind noch erhalten ). Er verschenkt seine Bilder, ist glücklich wie nie zuvor und selten danach. Er findet eine starke orientierung in der literatur. Er liest mit Vorliebe Franz Kafka, aber auch Max Frisch und Thomas Mann, Hermann Hesse, ja sogar schon Sartre u.v.a. Die Literatur ist ihm zu der Zeit noch eine Offenbarung. Jahre später hat ihn das Buch von Wolfgang Borchert: „Draußen vor der Tür“ sehr nachhaltig geprägt. Er trägt einen viel zu langen Schal und eine Baskenmütze. Er ist üiberzeugt, Existenzialist zu sein. In der Provinzstadt Rheydt ist er sehr häufig ins Theater gegangen. Neben der größeren gibt es noch eine Studiobühne. Dort sieht er Andorra und weitere Stücke von Max Frisch, Raskolnikoff, von Dostojewski, sogar Sartre-Inszenierungen. Von einem Stück weiß er nur den Titel: „Vater, armer Vater, Mutter hing dich in den Schrank und ich bin ganz krank“. Das Theater in Rheydt ist für ihn ein großes und weites, ein wirklich ganz wunderbares Fenster zur Welt gewesen. Den Hauptdarsteller der meisten dieser Stücke, mit Namen Ingold Wildenauer, hat er persönlich kennengelernt. Er hat dem Schauspieler manchmal zuhören und zusehen dürfen, wenn der seine Texte lernt. Ingold Wildenauer schenkt ihm eines tages eine kleine Schallplatte. Diese Melodie hat er noch in den Ohren: „Trois…petite…notes…de…musique…“ Er hat danach gesucht und die kleine schallplatte nach Jahr und Tag sogar noch wiedergefunden. Dieses Theater ist der einzige „erhabene“ Ort, wo er 1963 seine Arbeiten ausgestellt hat, dank Ingold Wildenauer.

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stadttheater rheydt ( mönchengladbach ) 2016
1963-RY-BrucknerAllee
mein atelier Rheydt Bruckner Allee foto 1963

weiter mit:  entschluss – sprung durch die zeit

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Ein Kommentar zu „biograph

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